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Mich einlassen auf das Leben

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Den Konflikt aushalten

Zen zu praktizieren ist wirklich ein Affront gegenüber dem eigenen (bisherigen) Selbst. Alles, was man all die Jahre für wahr gehalten hat, einschließlich sich selbst, die eigenen Gefühle, das eigene Denken, was man erinnert, all das soll mit einem Mal irgendwie falsch sein? Worauf kann ich mich dann überhaupt noch verlassen, worauf kann ich dann noch bauen?

Bei solchen Fragen hört man regelrecht, wie die Weltbilder zu zerbröseln beginnen. Oder man hört die Verteidigungstruppen anmarschieren. Da wird einem schnell klar, warum Nagarjuna gesagt hat, dass nur die bereit sind, Zen zu praktizieren, die gescheitert sind.

Aber ist nicht das exakt das, was wir uns als Menschheit eingestehen müssen, dass wir gescheitert sind und es „so“ nicht mehr weiter geht? Das Problem liegt ja darin, jedenfalls ging es mir so, dass wir meist völlig richtig finden, wie wir sind und was wir machen. Nur bei wem suche ich die Verantwortung dafür? Wenn ich mich jedoch mit Krishnamurtis Worten „You are the world“ als letztlich eins mit dem Ganzen verstehe, dann kann ich die Welt nicht mehr fragmentiert den-ken, dann betrifft mich das, was ein anderer tut letztlich genauso, als würde ich es selbst tun, vielleicht nicht tun, aber eben denken. Verstehe ich mich selbst als die Menschheit, dann kann ich mich nicht mehr davor drücken zuzugeben, dass „wir“ etwas gravierend falsch machen.

Erst dann, wenn wir selbst in den Spiegel schauen, völlige Verantwortung für uns übernehmen statt mit spitzem Finger auf andere zu zeigen, erst dann wird sich etwas ändern. Wir müssen unser Leben, das Leben an sich einfach sehr, sehr persönlich nehmen und unser Schneckenhaus endlich verlassen.

Wenn ich nur wüsste, was Wirklichkeit ist, dann wäre das ja gar nicht so schwer. Nur woher soll ich wissen, was „die“ Wirklichkeit ist, wenn ich doch bei genauer Betrachtung immer nur meine eigene Wirklichkeit kennen kann? Ich glaube, dass es Zustände gibt, in denen ich Zugang zur Wirklichkeit jenseits jeglicher Subjektivität haben kann. Ob ich sie schon erlebt habe? Vielleicht, vielleicht auch nicht oder auch nur ansatzweise. Aber das kann ich auch wieder nur subjektiv beantworten, wissen kann ich es nicht.

Was ich auch über die Welt denke, es ist immer nur meine Individuelle Sicht der Dinge, meine Sicht der Wirklichkeit. Wie also kann ich mir sicher sein, dass ich nicht vollkommen falsch liege? Wie vermeide ich eine Vermischung esoterisches Gedankenguts mit belastbaren naturwissenschaftlichen Befunden und eigenen Fantasien? Wo finde ich eine „sichere“ Basis für meine Überlegungen? Das will wohl überlegt sein angesichts der Tatsache, dass ich nichts wirklich weiß. Die Gefahr dabei ist, mich von Spekulationen verführen zu lassen, was angesichts der Tatsache, dass ja jede Wahrnehmung ein Konstrukt ist, eine echte Herausforderung ist.

Und genau das führte David Bohm möglicherweise zu seinen Überlegungen über den Dialog. Solange ich nicht weiß, ob ich mir mit meinen Gedanken gerade fürchterlich auf den Leim gehe, brauche ich zwingend das Gespräch mit anderen um zumindest zu sehen, ob sie die gleichen oder selben Gedanken haben wie ich, was aber nichts mit Bestätigung zu tun hat, sondern mit Gemeinsamkeit. Und es ist auch ganz offensichtlich, dass ein solches Gespräch ohne radikale Offenheit, ohne Befindlichkeiten und ohne Maske allenfalls in der Lage ist, mein Ego ein wenig aufzupolieren.

Leider sind ja in den vergangenen Jahrzehnten die Wissenschaften sehr in Misskredit geraten, dummerweise auch berechtigt. Und sie tun es teilweise gerade wieder. Ich lese gerade das Buch von Silvia Arroyo Camejo „Skurrile Quantenwelt“, die beklagt, dass viel der heutigen Physiker, ganz anders als die Entdecker der Quantenmechanik, nur an den technischen Möglichkeiten, nicht aber an den fundamentalen Fragen interessiert sind, also an der Frage, was uns das über uns selbst aussagt. Andererseits, wenn man ein wenig sucht, gibt es eine Menge „belastbare“ wissenschaftliche Untersuchungen; es braucht nur Zeit, sie zu finden.

Also „rede“ ich mit den Publikationen der Wissenschaftler und setze die in Beziehung zu dem, was ich von Chan zu wissen glaube. Und wenn ich dann einen Baustein gefunden habe, verifiziere ich den in meinem (Er-) Leben. Und was sich nicht verifizieren lässt wird wieder aussortiert oder für eine nochmalige. spätere Verifikation in den Schrank gestellt. Aber das ist nicht alles, denn ich bin ja nicht der Stein der Weisen. Also muss das auch seine Alltagsbewährungsprobe hinter sich haben.

Jetzt werden Sie vielleicht verstehen, warum ich so regelrecht auf Quantenphysik abfahre, wie früher auf Chan. Bei Chan war immer noch die Frage offen „wie kommen die da nur drauf?“, die nicht zu beantworten ist. Bei Physik kann ich das zwar auch nicht sagen, aber ich habe eine von mir unabhängige Prüfinstanz. Funktioniert mein Navi? Oder mein CD Spieler? Mein PC? Mein Handy? Alles Dinge, die nicht funktionieren würden, lägen die Physiker komplett daneben.

Und genau das gibt mir die Sicherheit, die ich brauche.

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