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Mich einlassen auf das Leben

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Eine notwendige Einleitung

„Meine“ Philosophie ist möglicherweise erklärungsbedürftig. Warum? Weil die Alltagstauglichkeit nicht ohne weiteres offensichtlich ist. Es macht also Sinn, darüber ein paar Gedanken zu verlieren. Und zwar gleich zu Beginn, sonst besteht die Gefahr, dass der Leser vielleicht schon bald aufhört zu lesen. Das eventuell Unverständliche ist ja, dass einerseits viel Wissen angeführt wird, andererseits aber immer wieder mehr oder weniger deutlich betont wird, dass man alles Wissen so schnell wie möglich vergessen sollte.

Ich bin der festen Überzeugung, dass sich manche oder sogar viele gar nicht erst mit den Gedanken des Chan / Zen beschäftigen, da diesen Überlegungen das Lebenspraktische abzugehen scheint. Nicht anders ergeht es übrigens auch den fundamentalen Fragen, die die Quantenphysik letztlich aufwirft. Von der Entdeckergeneration der Quantenwelt haben sich so ziemlich alle auch mit den lebenspraktischen Fragen auseinandergesetzt. Doch die heutigen Physiker interessiert das eher selten, wie Silvia Arroyo Camejo in einem Video über Heisenbergs philosophische Gedanken zur Quantenphysik sagt, denn die würden sich meist nur noch dafür interessieren, was man technisch damit machen kann, aber nicht, was das für das eigene Weltbild bedeutet.

In diesem Zusammenhang darf man nicht vergessen, dass auch Albert Einstein mit den Konsequenzen der von ihm selbst angestoßenen Entdeckungen haderte und sie teilweise ablehnte. Zu Unrecht, wie wir heute wissen. Der Grund war, dass sein Weltbild und damit sein Gottesverständnis gewaltig ins Wanken kamen. Wer kennt nicht den berühmten Satz von ihm, dass Gott nicht würfle? Doch es gibt definitiv den objektiven Zufall, wie auch der 14. Dalai Lama in einem Gespräch mit Erwin Zeilinger eingestehen musste.

Unsere moderne Gesellschaft ist ausgesprochen wissensorientiert. Und da verwundert es nicht, dass es heftiges Stirnrunzeln auslöst, wenn ein Zenpraktiker wie ein Taoist einen Zustand anstrebt, der einem Wissenshungrigen nicht in den Kopf will - Wissen durch Nichtwissen. Wie also lässt sich dieses Paradox auflösen? Ganz einfach indem man erkennt, dass es nur scheinbar paradox ist. Ich suche das immer an dem Beispiel „Motorradfahren“ zu erklären.

Der eine fährt und macht sich keine Gedanken darüber, wie er um die Kurve kommt, er fährt eben. Ein anderer, ich etwa, mache mir da schon meine Gedanken, wenn es nicht so klappt, wie ich es gerne hätte. Also studiere ich den Kammschen-Kreis, mache mir die physikalischen Kräfte und die Dynamik bewusst. Doch damit fahre ich noch kein bisschen besser durch die Kurve. Ich muss das erst noch lernen, solange, bis es ganz automatisch klappt und ich die Physik und alles, was dazu gehört, wieder vergessen kann.

Wenn es also funktioniert, ist alles gut. Wenn nicht, dann muss man entweder ganz schön lange trainieren, bis man es endlich intuitiv begriffen hat. Oder aber man schaut sich das genau an, eignet sich also Wissen an und lernt dann, das umzusetzen. Alan Watts hat einmal Zen mit einer Autobahn auf den Gipfel verglichen. Das Beispiel ist ein bisschen schwierig, denn ich laufe (und fahre) lieber verschlungene Pfade und lasse die Autobahn möglichst links liegen. Aber als Metapher dafür, etwas entweder schnell zu verstehen und anzuwenden oder umständlich selbst zu erfahren, ist es perfekt.

Natürlich erspart einem weder Chan / Zen noch die Physik, dass man es selbst versteht, aber das Wissen und die Erfahrung der Zen-Patriarchen wie der Physiker (bezogen auf die fundamentalen Fragen) ist eben der Hinweis auf den schnellen, direkten Weg des Verstehens. Zen und auch Physik stellen ein Wissen dar, das einem helfen kann, seine eigenen Grenzen zu erkennen. Und nur dann, wenn ich eine gedankliche Grenze erkannt habe, kann ich sie überhaupt erst überwinden. Wissen kann also ein erfreuliche Abkürzung sein, etwa wenn ich weiß, wie ich die biologisch bedingte mentale Begrenzung der Schräglage überwinden kann, die bei etwa 20 Grad liegt.

Doch im späteren Tun ist dieses Wissen nicht nur bedeutungslos, vorausgesetzt ich habe es verinnerlicht, sondern es ist darüber hinaus auch ausgesprochen hinderlich. Wenn ich in der Kurve mein Wissen über Schräglagen zu reflektieren beginne, bekomme ich ein ernstes Problem. Darum herrscht während des Fahrens Denkverbot. Und je besser ich mich daranhalte, desto besser fahre ich. Wenn man einen Tausendfüßler fragt, wie er seine vielen Beine so wunderbar synchron bewegen könne, kommt er garantiert ins Stolpern, sobald er darüber nachdenkt. Und uns Menschen geht es auch so. Je mehr ich darüber weiß, wie ich denke, desto besser kann ich gedankliche Fallen überwinden.

Wissen zeigt nur den Weg, gehen muss ich ihn ohne dieses Wissen.

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