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Mich einlassen auf das Leben

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Mich einlassen auf das, was ist

Die Kunst, mich selbst aufzugeben.

Mich auf einen anderen einzulassen, wirklich einzulassen, hat nur etwas mit mir selbst zu tun, nämlich damit, meine eigenen Grenzen aufzugeben, meine Maske abzulegen und, wenn man so will, dem Geist des anderen in mir selbst Raum zu geben; zu erfahren, wirklich zu erfahren, wie er denkt und was er fühlt, ohne dass dabei ein eigener Gedanke, ein eigener Impuls wäre

Zu allererst heißt sich einzulassen, nicht einzugreifen und etwas tun zu wollen, sondern man nimmt nur wahr, was ist, man nimmt nur den anderen wahr, was ja nichts anderes ist, als einen Aspekt der Welt wahrzunehmen. Doch das bedeutet absolut keinen Kommentar, keine eigene Meinung, einfach nur gegenwärtig sein, wahrnehmen, was ist.

Sich einzulassen auf den anderen heißt nichts anderes, als sich selbst zu begegnen. Und was ist das anderes als Chan (Zen) zu praktizieren? Für viele heißt das die Angst zu überwinden, mit etwas in Kontakt zu kommen, was man von sich weghält, wovor man sich schützen will, was man nicht wahrhaben will. Dabei bedeutet das doch nur, dass man es nicht kennt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Das eigentliche Problem aber sind nicht die Chan-Gedanken, sondern die Reaktionen, die sie im ersten Moment auslösen können. Jeder (wirkliche) Dialog beginnt mit einer Auseinandersetzung, mit dem Durchqueren einer Konfliktzone. Ich habe kürzlich einen Text über die Reaktionen bei einem Motorradunfall gelesen, der eine exakte Beschreibung dessen enthält, was passiert, wenn wir mit Gedanken konfrontiert werden, die unserem „gesunden Menschenverstand“ diametral entgegengesetzt sind.

Wir schalten auf Flucht, Angriff oder erstarren. Und genau das passiert auch, wenn unser Welt- und Selbstbild angegriffen wird. Wir flüchten, heißt, wir brechen den Kontakt ab. Oder wir erstarren und sagen gar nichts mehr. Noch ärgerlicher ist es, wenn wir auf Kampf schalten. Und genau deswegen beginnt der Dialog mit dem Durchleben exakt dieser Konfliktzone. Wir reagieren körperlich und merken das nicht, da wir ja nicht körperlich angegriffen werden, denn es geht ja „nur“ um gedankliche Dinge.

Entscheidend ist also nicht, wie wir mit solchen Gedanken umgehen, sondern wie wir mit der Reaktion umgehen! Da hilft nur eines: Offen darüber zu reden. Wie gesagt über die Reaktion, nicht über den Gedanken. Zum Motorradfahren sind wir nicht geboren. Das stimmt. Bedeutet das auch, um in der Analogie zu bleiben, dass wir so sehr auf ein „falsches“ Leben hin konditioniert sind, so sehr in unseren Ritualen gefangen sind, dass wir gar nicht mehr außerhalb dieser Konvention agieren können, uns das schlicht und einfach den Angstschweiß auf die Stirn treibt?

Also müssen wir erst einmal verstehen, was ein Leben in der Konvention überhaupt bedeutet, bevor wir daraus aussteigen können.

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