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Mich einlassen auf das Leben

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Sind wir ewig Suchende?

Was wir suchen, finden wir nur in uns selbst, nirgendwo anders. Doch wenn wir nur wüssten, wonach wir suchen könnten, sollten oder auch müssten! Wir haben das Gefühl, unsere ursprüngliche Heimat, die Natur verloren zu haben und sehnen uns danach zurück, wollen wieder in - bildlich gesehen - den Schoß der Natur zurück. Doch das ist uns unmöglich, so wie wir, sind wir einmal geboren, mit der Welt klar kommen müssen, wie sie eben ist. Es gibt kein Zurück.

Ich glaube, es ist nicht vermessen, die Evolution des Menschen mit einer Geburt zu vergleichen, gründet sich sich doch darauf, dass der Mensch seine ursprüngliche Heimat, die Natur, verloren hat und niemals zurückkehren, niemals wieder ein Tier werden kann. Und so, wie das Kind sich mehr und mehr von der Mutter abnabeln muss, müssen auch wir uns von unseren tierischen Reaktionsmustern abnabeln.

Das Problem der menschlichen Existenz ist demnach einzigartig in der Natur. Der Mensch ist sozusagen aus der Natur herausgefallen und befindet sich trotzdem noch in ihr. Er ist teils wie ein Gott, teils wie ein Tier; er ist teils unendlich, teils endlich.

Da ist das Bild von Luzifers wirklich treffend; Luzifer, der sich Gott gleich wähnte und deswegen fiel und Michael, dessen Namen sagt, er sei wie Gott - ein perfektes Bild für die Dichotomie des Menschen. Doch ich muss mir darüber im Klaren sein, dass diese sich widerstreitenden „Interessenlagen“ in jedem Menschen selbst zu finden sind und auch nur dort eine Lösung und Befriedung des ständigen Konflikts möglich ist.

Wir sind Natur - Michael -, wir sind aber geistig nicht an sie gebunden - Luzifer. Gerade in unserer Zeit erleben wir wieder die Sehnsucht, in den Schoß der Natur zurückzukehren, doch das ist nichts anderes als die zunehmende Erkenntnis des Menschen, dass er seine Mutter verlassen muss, um in die Welt zu ziehen. Er ist wie seine Mutter, doch er ist eigenständig. Es ist eine Erkenntnis, gegen die er sich noch innerlich wehrt, sie nicht wahrhaben will. Es ist Zeit, wirklich erwachsen zu werden. Es ist an der Zeit, zu einer anderen, wenn man so will höheren Form der Einheit mit der Natur, seinen Mitmenschen und sich selbst zu finden.

Der Mensch erlebte sich zunehmend als getrennt, er entdeckte die Wissenschaften, die ihm Halt zu geben schienen. Die geistige Entwicklung des Menschen gebiert zum einen Bewundernswertes, zum anderen Grausiges. Luzifer und Michael haben noch keine gemeinsame Sprache gefunden. Die Freiheit von Autoritäten, von Kirchen, Fürsten und Königen wurde bis jetzt kaum durch eine andere Freiheit ersetzt, sie führte eher in die Haltlosigkeit. Radikalismus jeglicher Art lässt grüßen. Der Mensch hat seinen Frieden mit sich und der Natur noch nicht gefunden. Er steckt immer noch in der Falle seiner Liebe zu seiner Individualität, seiner vermeintlichen Einzigartigkeit.

Statt dass wir uns selbst in dem Anderen sehen könnten. Die, die das verstanden haben hängen entweder selbst noch in falschen Klischees fest, was vielleicht auch der Grund ist, warum sie die Mehrheit noch nicht davon haben überzeugen können, einen anderen Lebensweg zu suchen. Und genau deswegen darf man die aktuelle Destabilisierung nicht wieder zurückschrauben wollen, sondern muss aufbrechen in ein anderes Denken.

Doch wo anfangen? Ich glaube, es war Thích Nhất Hạnh, der gesagt hat, dass der nächste Buddha die Sangha, die Gemeinschaft, sein wird. Und ja, das glaube ich auch! Ganz einfach, wir müssen aufhören, vorrangig unsere Ziele zu verfolgen und uns statt dessen einfach einmal zusammensetzten und zu reden - miteinander. Wir müssen den anderen verstehen wollen.

Also fangen wir an. Wir müssen uns neu erfinden. Unser Zusammenleben, unser Wirtschaften, unsere Ökologie. Doch das geht nur mit miteinander reden, wirklich reden, nicht, indem wir anderen Vorschriften zu machen suchen, was sie zu tun haben. Die wirkliche Hürde, die es dabei zu überwinden gilt, das ist die Bereitschaft, den anderen zu hören, seine Sehnsucht und sein Leid zu sehen. Es ist wie in der Parzival-Sage. Parzival hat sich in seinem Hin und Her zwischen der Welt des Göttlichen und der Welt des Irdischen scheinbar vollkommen verirrt, sich selbst verloren.

Erst als er Anfortas die erlösende Frage stellt, woran dieser leide, wird er erlöst - und auch Anfortas. Erst dadurch fand seine Suche ein Ende. Und waren nicht auch in Parzival beide, Luzifer und Michael, am Werk? Erst als er sich dem Anderen zuwandte, Anfortas, fanden sie zusammen. Er musste sich von sich selbst lösen. Doch das gelingt ihm erst, als er sich seinen eigenen Ängsten gestellt hatte.

Uns geht es nicht anders. Erst dann, wenn wir den anderen fragen, woran er leidet, erst dann ist unsere Suche zu Ende, erst dann können wir den Weg auch gehen.

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