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Ergründen, was ist

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Der Dialog

Um Missverständnisse von vornherein auszuschließen, muss man mit dem beginnen, was der Dialog nicht ist. Ein Dialog ist nicht für harmoniesüchtige Menschen gedacht, die nicht anecken und vor allem nicht „angeeckt“ werden wollen. In einen Dialog zu gehen kann „gefährlich“ sein, weil es unser Weltbild ins Wanken bringen und uns letztlich verändern kann.

Oft sind wir mit unseren Ansichten, Meinungen und unserem Weltbild derart identifiziert, dass wir es als persönlichen Angriff erleben, wenn diese infrage gestellt werden. Ist unser Selbstbild, das ja unserem Weltbild entspricht, jedoch unverrückbar in Stein gemeißelt, dann ist man zu einem Dialog eben nicht bereit.

Buber unterscheidet mit durchaus ironischem Unterton dreierlei Formen des Dialogs:

Den technischen Dialog, „der lediglich von der Notdurft der sachlichen Verständigung eingegeben ist“.
Den dialogisch verkleideten Monolog, „in dem zwei oder mehrere im Raum zusammenkommende Menschen auf wunderlich verschlungenen Umwegen jeder mit sich selber reden und sich doch der Pein des Aufsichangewiesenseins entrückt dünken.“
Den echten Dialog, – gleichviel, ob geredeten oder geschwiegenen – wo jeder der Teilnehmer den oder die anderen in ihrem Dasein und Sosein wirklich meint und sich ihnen in der Intention zuwendet … lebendige Gegenseitigkeit“ zu schaffen.

Der ernsthafte Dialog benötigt den Verzicht auf Machtspiele und verlangt gleiche Augenhöhe zwischen den Beteiligten. Ich will hier nicht viel über den Dialog schreiben, dazu gibt es ausreichend Material im Internet. Wichtig ist sich zu fragen, ob man zu einem wirklichen Dialog bereit ist. Was eigentlich keine Frage sein sollte, denn der Dialog ist die Chance, das innere Gefängnis zu verlassen, in das wir uns der Konvention Willen selbst gebaut haben.

Es klingt paradox, aber die Chance des Dialogs liegt darin, dass er sich gerade nicht an einem Ziel orientiert. Es ist, wie es in dem Untertitel des Buches "Der Dialog" von David Bohm heißt: Das offene Gespräch am Ende der Diskussionen. Offen, kein Ziel, kein klar definiertes, zu erreichendes Ergebnis. Wobei das in dieser Absolutheit natürlich nicht stimmt. Allein die Ziele, die ein Dialog verfolgen kann, sind eben nicht ergebnisorientiert, sondern prozessorientiert. Das ist wesentliche Unterschied zu einem der üblichen Gespräche.

Haben wir einmal erkannt, dass wir eben in einer gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit leben, dann liegt darin keine Antwort auf die Frage nach Sinn, dann beginnt erst die Suche nach Sinn. Und diese Frage können wir eben nicht für uns alleine klären, diese Antwort können wir nur im Dialog finden. Die Chance des Dialogs liegt in dem Paradigmenwechsel der Wahrnehmung. In meiner Zeit als Rechtsanwalt habe ich immer wieder bitte Tränen über den Paradigmenwechsel geweint, den das Recht durchlebt hat. Das Prinzip des alten römischen Rechts bestand darin, dass, nachdem die Verhandlungen gelaufen waren die Parteien den Juristen riefen und ihn beauftragten, das Ergebnis in einer justiziable Sprache zu formulieren.

Heute ist es genau umgekehrt, da folgt das Recht nicht mehr den Verhandlungen, sondern die Verhandlungen dem Recht. Das Recht wurde zu etwas Eigenständigem und hat seine dienende Funktion verloren. Die Menschen entmündigten sich selbst machten sich auf diese Weise zu Gefangenen des Rechts.

Wer versteht, dass wir Menschen unsere Authentizität vielfach selbst aufgegeben haben, der sieht auch die Notwendigkeit des Dialogs.