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Jenseits der Konzepte

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Mehr als „nur“ Motorradfahren

Für mich bedeutet Motorrad zu fahren mittlerweile wesentlich mehr als „nur“ Motorrad zu fahren. Zum einen ist es eine sehr gute Schulung, mein Ego fallen zu lassen, zum anderen ist es der Hinweis darauf, dass ich das auch im ganz normalen Leben praktizieren kann, obwohl es da erst einmal schwieriger zu sein scheint.

Da ist zum einen die permanente Konfrontation mit der Unbeständigkeit des Seins, der Unmöglichkeit, ein „Ergebnis“ zu planen, zum anderen liegt darin die konfuzianistische Selbstkultivierung, wie sie in den sogenannten Wegkünsten praktiziert wird.

Seit ich das begriffen habe, gelingt es mir immer besser, die Parallelen zu meinem alltäglichen Verhalten im „normalen“ Leben zu sehen und daraus wiederum Rückschlüsse zu ziehen und Konsequenzen abzuleiten.

Meiner selbst bewusst sein

Die Gesetzmäßigkeiten des Seins und das Streben, das Leben danach auszurichten, die ich dem japanischen Verständnis von Ästhetik entnommen habe, dieses Spiel zwischen Notwendigkeiten im Verhalten, will ich mich an den Gesetzmäßigkeiten orientieren und dem, wie ich mich tatsächlich verhalte, das erlebe ich unmittelbar beim Fahren.

Ich begreife, dass mein Verstand ausgesprochen hilfreich ist, mir Kurventechnik erklärbar zu machen, aber er hilft mir absolut nicht bei der Umsetzung. Die muss ich üben, üben und nochmals üben; solange, bis ich nicht mehr darüber nachdenke. Dann „falle“ ich regelrecht in das Fahren, bin das Fahren, genauer, ich gebe jegliches Wollen beim Fahren auf.

Ich kann mir hundertmal sagen, „lass den Lenker locker“, aber erst wenn ich es nicht-bewusst tun kann, wird es mir gelingen. Die vielleicht wichtigste Gesetzmäßigkeit des Lebens überhaupt.

Der Weg ist das Ziel

Natürlich habe ich auch beim Motorradfahren „Ziele“. Ich will irgendwo ankommen. Und natürlich habe ich das Ziel, besser zu werden und nicht auf die Nase zu fliegen. Obwohl das keine wirklichen Ziele sind, sondern erst einmal nur Absichtserklärungen.

Als ich den Führerschein machte, hatte ich das Ziel, die Technik des Fahrens zu verstehen. Die einfachste Übung. Doch das Fahren selbst war kein Ziel mehr, konnte keines mehr sein, ich tat es einfach, oft mehr schlecht als recht. Wenn ich besonders gut fahren wollte, fuhr ich meist ziemlich schlecht. Warum ich auch gleich mal durch die Prüfung rasselte. Doch das hatte auch sein Gutes, den ich verstand, was Konfuzius uns eigentlich sagen wollte:

Der Weg beginnt mit Geduld. Und nicht mit „ich will“.

Ich schaue auf das, was ich tun muss und nicht auf das, was ich erreichen will. Gut zu fahren heißt nämlich das Notwendige zu tun. Weiter geht es mit Kontinuität, Konsequenz und Beharrlichkeit. Eigentlich logisch, oder nicht? Und wenn ich dabei einfach nur zufrieden bin, dann passt es.

Lebenswirklichkeit

Regeln für die Gemeinschaft gibt es auch beim Motorradfahren. Etwa die „old school biker“ – Regeln. Ich fahre zwar alleine auf meinem Motorrad, aber ich bin auch immer wieder mit anderen zusammen. Und da ist es dann gut, wenn ich und wir Regeln haben. Also gemeinsame.

Nur das alleine genügt nicht, denn mit Regeln ist das so eine Sache. Die Hells Angels oder die Bandidos etwa haben solche scheinbar klaren und eindeutigen Regeln: Respekt, Ehre, Loyalität, Ehrlichkeit, Integrität, Vertrauen, Höflichkeit und Nächstenliebe.

Doch gerade bei diesen Gruppen lässt sich leicht erkennen, dass „Regeln“ ohne ein entsprechendes Kommitment letztlich nur leere Worte sind. Denn die Hells Angels etwa können sehr wohl auf der guten wie auch auf der weniger guten Seite der Gesellschaft stehen.

Regeln sind noch lange keine Werte. Aber Werte machen es auch nicht aus, eher schon die Haltung. Aber auch die lässt sich nicht eindeutig definieren. Nur beschreiben. Eines habe ich auf meinem Motorrad gelernt: Mechanische Dinge kann man klar definieren. Lebendige aber nicht. Vielleicht die wichtigste Erkenntnis von allen:

Entscheidend ist, was ich lebe.