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Ich und die anderen

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Eine Matrix für mein ganzes Leben

Das Motorrad ist ein mechanisches Teil, das nach ganz klaren und eindeutigen Regeln funktioniert. Nur, der Mensch, der auf dem Motorrad sitzt, der tut das nicht. Der funktioniert nach völlig anderen Prinzipien, nämlich nach dem Prinzip der Selbstorganisation und der Phänomenologie, eben nicht mechanisch, sondern prozesshaft.

Fehlertoleranz ist beim Motorradfahren eher die Ausnahme und wenn, dann einfach Glück. Und genau deswegen ist es nicht nur spannend, sondern wichtig und lehrreich, das Motorradfahren einmal genau zu betrachten.

Die Antwort auf ein nicht situationsgerechtes Verhalten oder eine falsche Reaktion kommt direkt, unverfälscht und unmittelbar – ohne jegliche Interpretationsmöglichkeit. Exakt so, wie sich auch die Natur verhält!

Keine Kompromisse! Klare Linie! Eindeutige Botschaft!

Ohne das Absolute kann ich auch das Relative nicht verstehen

Im Absoluten gibt es keinerlei Differenzierung, weder gut noch schlecht, richtig oder falsch, schön oder hässlich, ganz im Gegensatz zum Relativen, da ist das eine eben nicht ohne das andere zu haben.

Die Crux ist, wenn jemand sein Leben auf seine relativen Vorstellungen reduziert oder, genauso blöd, nur das Absolute für wirklich hält.

Die Chan-Menschen verleugnen die Polarität der Existenz nicht und suchen sich weder an die eine noch die andere Seite zu binden. Sie streben sozusagen danach, den Geist im Absoluten und den Körper im Relativen zu halten.

Der Tanz auf des Messers Schneide über den Abgründen der Extreme ist ihre hohe Kunst. Wie einem Motorradfahrer ist ihnen, wie jedem, der auf dem Grad der Extreme tanzt, vollkommen bewusst, dass ein Moment der Unachtsamkeit den Absturz bedeuten kann.

Und idealerweise zieht man daraus seine Lehren. Und auch Konsequenzen.

Durch Konzentration und Selbstorganisation gestalten

Je mehr ich in der Lage bin, den Raum meiner Eigenverantwortung wahrzunehmen, desto größer wird der Raum des mir Möglichen.

Den ‚Zugang‘ dazu eröffnet mir meine Haltung, die ich vor allen Dingen über meine Sprache und meine Wortwahl erkennen kann. Und natürlich durch Erfahrung.

Dazu muss ich erst einmal überlegen, was Sache ist– und dann üben, aber ohne einen weiteren Gedanken daran zu haben. Allenfalls einen Satz, den ich mir immer wieder vorsage, etwa ‚Loslassen‘, bis ich es wirklich mache – können tue ich es ja schon lange!

Jede Überlegung, jedes Nachdenken, das ich während des Fahrens anstelle, verhindert, dass ich meinen Möglichkeiten entsprechend gut bin.

Überlegung verhindert Konzentration und Selbstorganisation – ohne Wenn und Aber.

Ich bin, was ich denke. Und ich fahre, wie ich denke.

Mein Denken ist für mich erkennbar an meinen Gedanken. Das ist nicht doppelt gemoppelt, denn ‚Denken‘ geschieht ja erst einmal nicht-bewusst. Warum aber ist das so wichtig?

Weil mein Denken meine Handlungen definiert. Bin ich mir meines Denkens nicht durch Reflektion bewusst, kann ich auch nicht wissen, wo ich mich in meinen Handlungen einschränke – ohne dass mir das bewusst wäre.

Ich kann ja überhaupt nur das wahrnehmen, was ich auch denken kann. ‚Meine‘ Möglichkeiten sind also ganz klar durch mein Denken begrenzt – und nicht durch äußere Umstände, auch wenn ich mich in einem äußeren Rahmen bewege.

Mit dem Motorrad unterwegs zu sein reduziert mich idealerweise auf das Wesentliche und Eigentliche. Je mehr an Überlegung und Absicht dazu kommt, desto anstrengender wird es und desto weniger ‚gut‘ bin ich.

Daher ist es gut, alles wegzulassen, was nicht dazugehört; umso besser kann ich erkennen, was ich denke! Und wenn ich jemanden beeindrucken oder eine gute Form abgeben will – zack, bin ich draußen.

Also lasse ich das Nachdenken, während ich fahre.

Motorradfahren ist das Zusammenspiel von Wissen und Können

Ich fahre nicht einfach drauflos, sondern ich will (vorher) wissen, warum etwas passiert. Etwa was die ideale Kurvenlinie ist oder was ich tun kann, wenn es in einer Kurve eng wird. Das heißt übrigens nicht, dass ich ‚bewusst‘ fahren könnte!

Dass ich das dann erst einüben muss, ist klar. Wenn ich der erste Motorradfahrer der Welt wäre, würde ich mir sicherlich vieles intuitiv erarbeiten müssen. Bin ich aber nicht. Sondern von vielen Könnern umgeben. Also verlasse ich mich auf wissenschaftlich belastbare Erkenntnisse und die Erfahrungen andere. Intuition ist immer nur der Anfang.

Nur ich vertraue nicht blind, sondern verifiziere alles. Immer! Den ‚Raum‘ der Intuition sehe ich nur bei mir selbst, also warum ich so ticke, wie ich es eben tue. Und das heißt vor allem zu wissen, warum ich so ticke, wie ich es eben tue. Intuition an der falschen Stelle ist ein echtes Problem. Realität toleriert keine Unklarheit.

Können ist eingeübtes und wieder ‚vergessenes‘ Wissen.

Erst meditativ fahren. Dann auch leben. Warum nicht?

Ich folge immer meiner Aufmerksamkeit. Im Idealzustand. Beim Motorradfahren nennt man das ganz simpel Blickrichtung. Wo ich hinschaue, dorthin fahre ich auch – ohne Wenn und Aber.

Im normalen Leben ist das nicht anders. Ich folge meinen Gedanken, erkennbar an meiner Sprache. Das ist erst einmal Konzentration. Dann kommt die Meditation, das „Messen“. Das heißt, die Dinge werden ganz ruhig, ohne Emotionen „abgewogen“. Das ist eine aktive Handlung, aber keine bewusste im Sinne eines willentlichen Vorgangs.

Und mich ganz auf das einzulassen, was ist, die Straße, die Natur, das Wetter und den Flow in den ich immer öfters komme – das ist dann Kontemplation. Darum sage ich immer, dass Motorradfahren Meditation ist. Leider nicht immer. Aber ich übe daran.

Wäre eigentlich einfach, wenn ich es in allen Lebenslagen genauso hielte. Das aber setzt voraus, dass ich mir meiner selbst immer bewusster wäre. Aber ohne nachzudenken! Da muss ich dran arbeiten.

Meditativ leben. Nicht nur ein Traum, sondern eine reale Möglichkeit.

Vollkommene Präsenz ist das ultimative Ziel

Kunst, hat Dürer gesagt, sei gewaltig, weil sie sich dem Betrachter zumute. Der Künstler muss demnach sein Handwerk kennen, nach Perfektion streben, eine eigene, unabhängige Meinung haben und er muss leidenschaftlich sein in dem, was er tut.

Wenn das Motorradfahren zur Kunst wird, dann ist man vollkommen präsent, dann gibt es da keinen Funken von Egoismus, keine Überlegung, kein ‚ich muss oder sollte‘, kein Sich-Messen-Wollen und wenn man dabei auch nicht hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt, dann ist man absolut eins mit der Welt. Das ist dann Kunst.

Ich nenne das den Teeweg des Alltags. Das Ziel, die Kata ist, was immer ich gerade tue, korrekt und einfach zu halten, in Harmonie mit der Welt zu agiere; Ehrfurcht vor Allem und Respekt vor den Menschen und der Natur zu haben und wenn ich, was immer sich um mich herum gerade ereignet, innerlich ganz still und gelassen bin und bleibe.

Ein hehres Ziel, doch es lohnt sich definitiv, denn dann ist es leicht zu sehen, dass alles das in sich differenzierte Eine ist.

Das ist mein Ziel. Beim Motorradfahren wie im Leben.

Auf dem Motorrad habe ich mich selbst wiedergefunden

Das ‚Problem‘ am oder in meinem Leben ist ja nicht, wenn ich wirklich ehrlich bin, dass ich nicht immer wüsste und ‚eigentlich‘ auch immer gewusst habe, was zu tun richtig wäre. Das wirkliche Problem war und ist leider auch manchmal noch, dass ich mich selbst aufgebe.

Obwohl, eigentlich ist ‚verrate‘ treffender. In meinem Leben habe ich sehr viele eklige Kröten geschluckt. Dachte ich immer. Dabei war das überhaupt nicht so. Ich hatte mich schlicht und einfach nur verleugnet und mich so darauf konzentriert, etwas oder jemand zu sein, dass ich dabei völlig aufgegeben habe, was ich bin.

Das, was ich schon immer war und auch immer sein werde. Was ich manchmal krampfhaft gesucht habe und was doch immer da war: Mein wahres Wesen. Ich brauche nur aufzuhören, es zu verleugnen.

Das ist wie bei einer Shrutibox; eine Art Grundton, den ich habe, den ich nur sehr oft nicht gespielt habe. Aber auf dem Motorrad ist er wieder da. Und vielleicht auch sonst. Nur eben nicht von alleine. Ich muss diesen Grundton auch erklingen lassen. Ich muss ihn spielen. Das Instrument ist ja da.

Ich selbst bin das Instrument. Es liegt an mir, ob ich es spiele oder nicht.

Durch mein Motorrad erfahre ich, wie ich denke

Auf dem Motorrad bin ich alleine. Das ist das Eine. Das Andere ist, dass mir mein Motorrad direkte Rückmeldungen über mich selbst gibt. Vorausgesetzt, ich will es auch hören und bin bereit, es anzunehmen.

Im Leben geht es ja immer nur um mich selbst, ich bin das einzige Wesen, das ich erfahren kann. Nur gibt es im Alltäglichen einfach zu viele Ablenkungen, Dinge, die mich in Anspruch nehmen, oder von denen ich mich in Anspruch nehmen lasse – und mich dabei selbst verliere, mir meiner selbst nicht mehr bewusst bin.

Über all diese Dinge nachzudenken ist das Eine. Sie auch noch unmittelbar zu erfahren, das ist einfach perfekt. Ohne Ablenkung, ganz auf mich selbst zurückgeworfen.

Jetzt muss ich all das nur noch im alltäglichen Leben anwenden.