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Das Dilemma auflösen

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Es beginnt beim Einzelnen

Wo beginnt es eigentlich? Ganz klar, es beginnt bei jedem selbst. Und doch gibt es Gemeinsamkeiten. Während ich dies schreibe, ist gerade Ostern. Für Sie als Leser wahrscheinlich nicht. Jedenfalls, und deswegen der Hinweis auf Ostern, fiel mir wieder eine Situation ein, als mich vor einiger Zeit ein Freund mit einem Praktikanten besuchte, einem Theologiestudenten. Der junge Mann sagte hinterher zu meinem Freund, jedenfalls erzählte er mir das so, dass er noch nie einen so religiösen Menschen wie mich erlebt hätte. Passt eigentlich zu Ostern.

Nur wusste er nicht, dass ich es doch eher mit Hui Neng halte, der gesagt hat, dass alle Weisheit aus der Essenz des Geistes und nicht aus einer äußeren Quelle komme. Darüber müsse man sich im Klaren sein, man nenne das „das wahre Selbst gebrauchen“. Es ist die entscheidende Frage, ob ich Dinge glaube oder untersuche. Doch das, was ich glaube, muss ja ein anderer erst einmal gedacht haben, sonst könnte ich es ja gar nicht glauben.

Will ich das Mysterium des Kosmos und des Lebens verstehen, muss ich eben, so meine Ansicht, Mystiker sein. Nichts glauben, sondern hinsehen, Erfahrungen machen. Aber ich kann ja keine Erfahrung ohne Empirie machen. Wo also kommt die Empirie her? Denn für eine Empirie brauche ich erst einmal eine Theorie, die ich dann mittels der Deduktion, also durch Überlegung, Logik und philosophische Gedanken aufgrund gegebener Prämissen eine Schlussfolgerung auf sich zwingend ergebenden Konsequenzen ziehe. Die Empirie wiederum bedeutet den abstrahierenden Schluss aus beobachteten Phänomenen auf eine allgemeinere Erkenntnis, etwa einen allgemeinen Begriff oder eine Gesetzmäßigkeit.

Doch was unterscheidet den Gläubigen überhaupt von einem Mystiker? Oder einem Wissenschaftler? In erster Linie glaubt ein Mystiker nichts, nur weil es ein anderer behauptet. Er untersucht es selbst. Wie ein Wissenschaftler auch. Dabei kommt er an einen Erkenntnishorizont, dessen Rand wir Menschen zwar immer weiter ausdehnen, aber egal, ob ich von einem Universum ausgehe oder von einem Multiversum, dahinter bleibt ein großes Fragezeichen. Bei dem einen hört das Universum auf, wo der Gottesbegriff anfängt, beim anderen hört es mit der Feststellung auf, dass wir in einer Illusion leben und uns alles nur wirklich erscheint, es aber nicht ist. Und dann? Offene Frage. Viele Buddhisten und manche der alten Griechen wie Sokrates und Co haben diese Frage wohl meist lapidar mit einem Schulterzucken und dem Kommentar „Keine Ahnung!“ beantwortet.

Es ist eine wahre Kunst zu wissen, was man nicht weiß. So weiß ich, dass es weder Töne noch Farben in der Welt gibt, sondern nur Frequenzen, genauso wie es keine Materie gibt, sondern nur die Idee einer Form (oder so). Doch wie ich Farben sehen, Töne hören und Materie spüren lernen kann, das bleibt für mich ein Mysterium. Nur eines weiß ich, je mehr ich weiß und je tiefer ich in das Mysterium hinuntersteigen kann, desto mehr kann ich mein Leben selbst gestalten, desto weniger bin ich ein Spielball des Lebens, sondern spiele den Ball.

An dieser Stelle kann man (gedanklich) aussteigen oder wissen wollen, was man eben wissen kann. Wie macht man also Erfahrungen? Wie untersucht man die Dinge? Und welchen Weg soll man gehen? Klar ist, Erfahrungen hält das Leben bereit. Doch die muss ich bereit sein zu machen. Also genau hinschauen. Es fängt damit an, dass wir uns allzu gerne in die eigene Tasche lügen, wir verdrängen und verleugnen. Hinsehen bedarf der Übung. Also genau hinsehen, ohne zu werten! Je besser ich das kann, desto besser werde ich selbst. Ich nehme mir da immer ein Beispiel an Bruce Lee. Der erkannte nämlich, dass das beste Konzept gerade ist, kein Konzept zu haben. Und erst recht keine Methode. Wobei ich das nur auf dem geistigen Feld für mich in Anspruch nehme und entsprechend übe.

Auch Emanuel Kant ging davon aus, dass sich der Inhalt des Denkens ändert, nicht jedoch seine Struktur. Dies hatte Kant absolut gesetzt und nicht bedacht, dass sich die Struktur des Denkens durch die Empirie ändern kann. Wir setzen Dinge voraus, wenn wir sie zu beobachten suchen, etwa Raum und Zeit oder das Kausalgesetz. Doch da spielt das Universum nicht mit, nicht nur, dass Raum und Zeit dehnbar sind und alles andere als statisch und letztlich vielleicht etwas ganz anderes sind als sie zu sein scheinen, sondern dass auch noch der Beobachter das Ganze beeinflusst.

Und unsere Empirie der Wirklichkeit hat sich in den letzten 100 Jahren durch die praktische Nutzung aufgrund der Quantenphysik und damit beweisbar gewaltig geändert. Die Wirklichkeit ist keine berechenbare, objektiv existierende Realität. Sie ist nicht unabhängig von uns, wir sind nicht nur Beobachter, sondern Mitschöpfer unserer Wirklichkeit.

Und das ändert so ziemlich alles, vorausgesetzt, wir sind bereit, darauf einzugehen und uns darauf einzulassen.